Wir ziehen unsere Strasse weiter…

Ziel: Unsicher

Ziel: Unsicher

Beinahe drei Jahre ist es her, seit ich Stuttgart und Deutschland hinter mir gelassen habe und mich auf den Weg nach Peking gemacht habe. Drei spannende Jahre mit vielen Eindrücken und Erfahrungen liegen hinter mir. Zunächst die Reise entlang der Seidenstrasse, danach die ersten Eindrücke in Peking und schlussendlich der Alltag in der Arbeit. Doch schon wieder ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen und die Strasse weiterzuziehen. Ziel? Wir werden sehen…

Ende September 2011 machte ich mich alleine auf den Weg, die Welt zwischen Deutschland und China etwas zu erkunden. Die Reise war mein erstes Abenteuer dieser Grössenordnung, entsprechend machte sich Unsicherheit breit, nachdem ich den Stress der Arbeitswelt und des Umzuges hinter mir gelassen hatte. In Venedig setzte ich mich damals in eine Kirche und hörte dem Orgelspieler beim Proben zu und machte mir Gedanken über mein Abenteuer. Folgenden Text habe ich daraufhin verfasst, allerdings nie veröffentlicht:

Comfort Zone

Kennen wir das nicht alle in der ein oder anderen Form: morgens klingelt der Wecker eine Routine nimmt seinen Lauf. Duschen, Frühstücken, in die Arbeit fahren, die selben Kollegen, Mittagessen, nach Hause fahren, Abendessen, etc. Unser ganze Tagesablauf ist wohlbestimmt, die Personen, die uns umgeben, mit denen wir uns auseinandersetzen, die Arbeit die wir tun, unsere Wohnung.

Der Mensch sei bequem und ein Gewohnheitstier hört und liest man. Und er weiss nur allzu selten zu schätzen, was er hat. In Venedig hatte ich mich in die San Martino Kirche gesetzt, wo gerade ein Orgelspieler geübt hat. Ein Grund sich hinzusetzen und etwas zu verweilen… und sich Gedanken zu machen.
Seit ein paar Tagen geht es mir durch den Kopf, was ich hier eigentlich tue. Ich habe mir ein Riesenprojekt aufgeladen, welches ich nun durchziehe. Mal ganz abgesehen von den Risiken, die eine solche Reise mit sich bringt, was bedeutet es ganz alleine durch die Welt zu reisen und auf keine bekannten Strukturen zu treffen?
Zu Hause war sehr vieles selbstversändlich, auch wenn ich mich für einige regelmässige Dinge einsetzen musste. Die Wohnung in der ich aufwachte war immer die selbe, zum Frühstück gab es zwei Alternativen, die Partnerin war immer die selbe, mit der ich gefrühstückt habe, der Arbeitsort hat sich nicht mal eben so verändert, die Kollegen waren über längere Zeit die selben, ebenso die Aufgaben in der Arbeit. Die Liste lässt sich beliebig verlängern.
Insbesondere sind es alle Personen, welche ich um mich habe, die mir Konstanz geben, die mir Halt geben und mich unterstützen, wenn ich Schwierigkeiten habe. Ich weiss, wen ich bei welcher Frage angehen kann. Ich habe meine Comfort Zone um mich herum. Solange ich mich innerhalb derjenigen bewege, ist alles geregelt, das Risiko, dass etwas unerwartetes geschieht, klein. Bin ich mir bewusst, was alles meine Comfort Zone ausmacht? Wer sind die Pfeiler, die mich täglich unterstützen? Ich empfinde es als wichtig, sich darüber einmal Gedanken zu machen. Denn es geht um mehr als nur zu wissen, auf wen man sich verlassen kann. Es geht auch darum, den entsprechenden Personen Dankbarkeit entgegen zu bringen und sie wertzuschätzen. Die berühmte kleine Geste, dass man die Unterstützung erfährt, respektive erst zu erkennen, welche Unterstützung man überhaupt erfährt. Ist der Kühlschrank immer voll, wenn ich nach Hause komme? Die Wohnung sauber? Steht das Essen auf dem Tisch? Ist das Geld auf dem Konto? Ist doch alles selbstverständlich.
Jetzt bin ich unterwegs. Ganz alleine. Nach Peking soll es gehen. Wo ist all das Vertraute? Wo sind die Personen, welche mich unterstützen? Wen kann ich fragen? Wo werde ich heute abend schlafen? Was gibt es morgen früh zum Frühstück? Es wird in der kommenden Zeit Tage geben, an denen ich keine dieser Fragen beantworten können werde. Es wird an mir liegen, auf die Menschen um mich herum zuzugehen und um Hilfe und Unterstützung zu bitten, ganz einfache, grundlegende Fragen zu stellen. Ich habe meine Comfort Zone an mehr als einer Stelle verlassen.

Diesmal ist vieles anders: Während die Erfahrungen der letzten Reise sehr hilfreich sind, sind wir vor allem zu zweit unterwegs. Die gegenseitige Unterstützung und die Gesellschaft des anderen helfen in Probemsituationen und geben ein Stückchen Geborgenheit in einer fremden Welt. Die gegenseitige Rücksichtnahme erfordert andererseits auch mehr Aufmerksamkeit und nimmt einem doch etwas von der Freiheit, welche man geniesst, wenn man alleine unterwegs ist.
So oder so: Lenka und ich freuen uns beide auf das bevorstehende Abenteuer. Wir hoffen, dass wir etwas von der Freude und der Neugierde auf andersartiges durch einige Blog-Posts weitergeben können.