Moskau: Eine neue Geschichte nimmt ihren Anfang


Seit bald einem Jahr wohne ich mit Lenka in Beijing. Das Jahr hat einige Veränderungen und Lektionen mit sich gebracht. Das Leben in der riesigen Hauptstadt Chinas ist bereits Alltag geworden. Durch den Chinesischunterricht wird auch die Interaktion mit den Einheimischen von Monat zu Monat einfacher, auch wenn noch sehr viel Raum nach oben offen ist. Obwohl ich die Reiselust im Rahmen halten muss, habe ich es geschafft drei Wochen Auszeit zu nehmen und mich zusammen mit Lenka auf die nächste Reise zu machen. Die Reise nach dem Besuch meiner Familie in der Schweiz zu Weihnachten bedingte, dass ich ein zweites Mal in meinem Leben von Europa nach Asien reiste. Den grossen Sprung machte ich vergangenes Jahr mit dem Schiff in Istanbul, diesmal sollte es die Eisenbahn werden. Das Abenteuer begann in Moskau.

Die Reise mit der Eisenbahn durch Sibirien war schon lange ein Traum, der Wohnort Beijing rückte diesen Traum in greifbare Nähe, befindet sich doch Beijing an einem der Endpunkte besagter Bahnlinie. Lenka und ich diskutierten nur kurz, ob wir dieses Abenteuer anschliessend an unsere Weihnachtsbesuche bei unseren Familien in Angriff nehmen sollten. Die Idee Sibirien im Winter kennenzulernen faszinierte uns beide. Also machten wir uns im vergangenen November an die Planung: Reiseroute und Zeitrahmen mussten gefunden werden. Die gesamte Strecke auf einmal zu fahren schlossen wir sofort aus, denn soviel Sitzleder haben wir beide nicht. Eine weitere Frage, welche es zu beantworten galt war, welche Route wir fahren würden, führt sowohl die Trans-Mongolische als auch die Trans-Mandschurische Eisenbahn von Moskau nach Beijing.

Der Fluss Moskau in Moskau

Der Fluss Moskau in Moskau


Die beiden Linien verlaufen die längsten Zeit auf der selben Strecke, von Moskau bis Ulan-Ude über 5640 Kilometer. Anschliessend biegt die Trans-Mongolische Eisenbahn nach Süden Richtung Ulan Bator und Beijing ab, während die Trans-Mandschurische Eisenbahn weiter östlich Richtung Süden abbiegt und über Harbin im Nordosten Chinas nach Beijing führt. Der Fahrplan und die beschränkte Zeit führten dazu, dass wir uns für die östlichere der beiden Routen entschieden, was auch den Vorteil hatte, dass wir kein Visum für die Mongolei zu besorgen hatten und stattdessen die Möglichkeit haben, die berühmten Eisskulpturen in Harbin zu besichtigen. Die Mongolei mit ihren Wüsten und Grasslands lädt im Sommer definitiv mehr zum Verweilen ein.
Die Fahrkarten für Russland waren sehr zügig und günstig über die Webseite der russischen Staatsbahn gebucht, für die Fahrt über die russisch-chinesische Grenze mussten wir jedoch die Hilfe einer Agentur in Anspruch nehmen. Das Interessante an der Agentur ist, dass diese uns die Tickets nicht per Post zukommen liess, sondern dass wir diese in einem Hotel in Irkutsk abholen müssen. Wir sind gespannt, ob wir die Fahrtkarten auch wie gewünscht vorfinden werden.
Kreml und Roter Platz

Kreml und Roter Platz


Zum Ausgangspunkt in Moskau reisten Lenka und ich unabhängig von Wien resp. Zürich. Unser Plan sich am Flughafen zu treffen verflog sehr schnell, als wir feststellen mussten, dass wir nicht nur an unterschiedlichen Terminals, sondern auch an unterschiedlichen Flughäfen in der russischen Hauptstadt landen würden. Für beide war es jedoch kein Problem per Aeroexpress und Metro zur gebuchten Unterkunft zu finden. Mit einer Stunde Unterschied trafen wir im zentral gelegenen Hostel 108 Minutes ein. Dabei hatten wir schon einiges über das U-Bahn System in Moskau und die Schönheit derer Haltestellen gelernt.
Am Morgen mussten wir feststellen, dass es keinen Wert hat, sich um diese Jahreszeit früh aus den Federn zu erheben. Bis nach 9 Uhr war es stockdunkel.
Nach einem kleinen Frühstück machten wir uns zu Fuss auf zum roten Platz und seinen Sehenswürdigkeiten. Dazu musste erst der Fluss Moskau (Moskva) überquert werden. Zwischen dicken Eisschollen fanden einige Enten immer noch ein bisschen Wasser um schwimmen zu gehen. Angesichts der herrschenden -5°C sahen wir davon ab, es ihnen gleichzutun. Die Aussicht von der Brücke gibt einem einen ersten Eindruck über die Grösse des Kremls, des politischen Zentrums in Russland. Die erste Sehenswürdigkeit, welche wir besichtigten war die Kathedrale des heiligen Vasillius, die Sammlung an Zwiebeldächern, welche für uns das Gesicht des roten Platzes darstellen.
St. Vasilius Kathedrale am Roten Platz im Schneetreiben

St. Vasilius Kathedrale am Roten Platz im Schneetreiben


Das Innere der Kathedrale wirkt allerdings eher als wäre sie vor langer Zeit vom KGB entworfen worden. Die engen verwinkelten Gänge und die vielen Kammern lassen Erinnerungen ans Versteckspielen während der Kindheit wach werden. Einst als Andenken an Siege in Schlachten errichtet, dient die Kathedrale heute als Museum. Zu unserer Ueberraschung stimmte ein Männerquartett russische Weisen an. Die hervorragenden Stimmen liessen vermuten, dass die vier dies nicht zum ersten Mal taten. Und siehe da: auf jedes dargebotene Lied folgte der Hinweis auf die letzte veröffentlichte CD, welche sie auch zum Kauf anboten…
Nach einem ersten Streifzug über den roten Platz machte sich ein kleiner Hunger bemerkbar, so dass wir das weitere Sightseeing in der Kitai Gorod mit der Suche nach einem Restaurant verbanden. Interessant dabei zu beobachten war, wie sich die Preise mit der Distanz zum roten Platz verringerten. Wir landeten schliesslich in einem kleinen Restaurant, welches auch einen Business Lunch, gespickt mit russischen Spezialitäten wie Kohlsalat und Borschtsch, anbot. Den musste ich natürlich gleich ausprobieren.
Mit vollem Magen machten wir uns anschliessend auf den Weg zum Kreml, vorbei an kleinen Kirchen mit Zwiebeldächern mit und ohne Gold. Beim Kreml angekommen erschraken wir auf Grund der langen Schlange an Leuten, welche ebenfalls die Festung besichtigen wollten. Wir entschieden uns beim Anstehen mitzumachen und waren entgegen aller Befürchtungen innerhalb von einer halben Stunde drinnen. Nicht mal Eintritt mussten wir bezahlen. Dafür stand an jeder Ecke ein Männchen in grüner Kleidung und wies die Leute an, wo entlang gegangen werden müsse. Wir hatten keine Ahnung in was für einer Veranstaltung wir da gelandet waren. Wir entschlossen uns einfach mitzumachen. Zwischen den Kirchen des Kremls bildete sich dann ein grosser Kreis und alle starrten gespannt zur Mitte. Wir sahen dort nur 3 Ordner welche sicherstellten, dass der Kreis auch ein solcher blieb. Schliesslich zogen aus einer Ecke Kinder mit Keksdosen in den Kreis, wurden von ihren Eltern gepackt und gemeinsam verliessen sie den Kreml wieder. Die Kinder waren wohl bei einer Veranstaltung, bei welcher sie diese Keksdosen erhalten hatten und wurden hier von ihren Eltern abgeholt. Sehr spannend.
Denkmal für die gefallenen Soldaten im 2. Weltkrieg. Das Wetter lässt Gedanken an Stalingrad wach werden.

Denkmal für die gefallenen Soldaten im 2. Weltkrieg. Das Wetter lässt Gedanken an Stalingrad wach werden.


Da wir keine Kinder abzuholen hatten, machten wir uns alleine auf den Weg die Stadt noch etwas weiter zu erkunden und schliesslich eines der unzähligen Cafes in Moskau aufzusuchen. Aufgewärmt und gestärkt genossen wir in der Folge die wunderbare Stimmung auf dem roten Platz im Schneefall, bevor wir die Moskau einmal mehr überquerten um zu unserer Unterkunft zurückzukehren.
Nach einem kleinen Frühstück machten wir uns erneut auf den Weg den Kreml zu besuchen. Auf direktem Weg machten wir uns auf über den roten Platz zum offiziellen Eingang. Unser Ziel war es, nachdem wir am Vortag die Kathedralen im Kreml nur von aussen gesehen hatten, die Kathedralen auch von innen zu besichtigen. An den Kassen war jedoch angedeutet, dass es keine Karten zur Besichtigung der Kathedralen zu kaufen gab. Zum Glück gaben wir jedoch nicht gleich auf, sondern wandten uns an die nette Dame an der Kasse. Diese meinte nur trocken, dass die Karte 350 Rubel kosten würde. Der Eintritt war als anscheinend im Kremleintritt enthalten.
Im Gegensatz zum Vortag waren viel weniger Leute anwesend und wir konnten in aller Ruhe vier der Kathedralen besichtigen. Der Glockenturm der Kathedrale IvanâEURTMs des Grossen war leider geschlossen. Eventuell war dies der Grund, weshalb kein Extra-Ticket für die Kathedralen gekauft werden musste.
Erscheinen die Kathedralen von aussen eher schlicht, mal abgesehen von den goldenen Zwiebeldächern, sind sie innen reich dekoriert und rundum bis unters Dach mit Ikonen versehen. Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Kathedralen in Architektur und Ausstattung.
Himmelfahrtskathedrale im Kreml

Himmelfahrtskathedrale im Kreml


Zum Abschluss unseres Kremlbesuches schauten wir und noch kurz im Palast des Patriarchen um, bevor wir ein kleines Andenken an Moskau kauften und uns auf die Suche nach einem Restaurant zum Mittagessen machten. Wir fanden ein nettes Selbstbedienungsrestaurant Nahe unseres Hostels, wo wir gleich richtig zugriffen. Wir wollten den Zug nach Jekaterinenburg gesättigt besteigen, was wir anschliessend erfolgreich taten. Im Hostel sammelten wir noch unser Gepäck ein, ehe wir mit der Metro zum Jaroslavler Bahnhof fuhren.
Nach einer kleinen Weile wurde auch angezeigt, dass unser Zug von Gleis 2 fahren würde, wohin wir uns sofort auf den Weg machten. Wir hatten die Ehre den gesamten Zug abzuschreiten, da unsere Plätze im vordersten Wagen, dem Wagen 14, reserviert waren. Nach einer ausführlichen Kontrolle unserer unvollständig ausgedruckten e-tickets durften wir den Zug dann auch besteigen.
Fahrt durch die Nacht...

Fahrt durch die Nacht…


Sogleich packten wir das Nötigste aus unseren Rucksäcken aus. Gerade als wir damit fertig waren tauchte auch schon unser erste Mitfahrer auf. Ein Herr Mitte vierzig der auf dem Weg war seine Familie zu besuchen. Etwas später gesellte sich noch ein jüngerer Herr dazu, welcher allerdings ein sehr ruhiger Typ war.
Der erste Mitfahrer packte gleich einige Flaschen Bier aus, organisierte Gläser bei der Provodnitsa und begann allen einzuschenken. Zu seinem Leid war ich der Einzige der etwas mittrank. Lenka übte ihre Russischkenntnisse, was jedoch mit fortschreitender Zeit und steigendem Alkoholpegel des Kollegen schwieriger und schwieriger wurde. Er liess sich jedoch nicht beeindrucken und leerte innert kürzester Zeit 4 Flaschen ehe er sich hinlegte und einschlief. Entgegen unserer Befürchtungen schnarchte er später nicht, so das auch wir den Schlaf geniessen konnten.
Am nächsten Morgen blickte ich gleich wieder auf den Kollegen, der mir sogleich wieder ein Bier anbot. Dankend lehnte ich ab, zog ich doch zum Frühstück einen Tee vor.
Winterlandschaft bei Perm

Winterlandschaft bei Perm


Das Tageslicht bot die Sicht auf tief verschneite Landschaften, hie und da ein Dörfchen oder eine Siedlung und vor allem viele Bäume. Zu unserem Glück hatte es gerade kürzlich geschneit, was die Eindrücke der Winterlandschaft weiter verstärkte.
Pünktlich um 20:32 Ortszeit rollte der Zug dann in Jekaterinenburg ein. Das erste Stück war geschafft!