Istanbul: Gegensätze

Ein grosser Schritt für Oli, überhaupt kein Schritt für die Menscheit: das erste Mal in meinem Leben sehe und betrete ich, zumindestens nach geografischen Gesichtspunkten, den asiatischen Kontinenten. Zwischen sehen und betreten sollen zwar einige Tage liegen, die Erlebnisse dazwischen in Istanbul, der grössten Stadt der Türkei, sind auf jeden Fall erwähnenswert.

Die Fahrt auf der Egnatia Odos, der modernen Autobahn und gegenwärtigen Nachfolgerin der römischen Via Egnatia, erreichte ich am letzten Mittwoch mittels einem interessanten Projekt die nächste Station meiner Reise nach Osten: Istanbul, das Tor nach Asien.

Das Hagia Sofia Museum

Das Hagia Sofia Museum

Das Projekt, um welches es sich hierbei handelt, ist eine Gemeischaftsprojekt eines griechischen Reiseveranstalters und eines türkischen Busunternehmens, um die beiden Länder einander näher zu bringen. Man besinnt sich dabei auf eine lange gemeinsame Geschichte, welche bekanntlich nicht immer friedlich war.
Sehr luxuriös ist der türkische Bus, inklusive Getränkeservice und einem kleinen Snack. Aber Verspätung hat der Bus trotzdem, da wir kurz vor Istanbul in einen Stau geraten. Daher dauert die Fahrt dann doch 11 Stunden, anstatt der angekündigten 9 – 10 Stunden. Meine Unterhaltung kommt in Form von 3 Erasmus-Studenten, zwei Mädels aus Island und ein Junge aus Palästina, sowie Musik von meinem iPod (Danke an die Kollegen von Vector) und einer sich immer wieder ändernden Landschaft im Norden Griechenlands und der Türkei.
Die Fahrt verlief beinahe ereignislos, vorbei an Städten mit Namen wie Profitis und Drama passend zu den aktuellen Neuigkeiten aus Griechenland, mit einem verhältnismässig schnellen Grenzübertritt. Interessant war dann jedoch die Ankunft in Istanbul. Mir wurde in Thessaloniki gesagt, dass der Bus, bevor er in Istanbul in den riesigen Otogar einfährt, an einem Ort hält, wo es Gratis-Shuttlebusse in die verschiedenen Stadtteile Istanbuls geben würde. Die hatten wir auch schnell gefunden. Schon nach 10 Minute fuhr der Bus dann los. Plötzlich hiess es jedoch: Sultanahmet Tramway! Da mein Hostel im Stadtteil Sultanahmet liegt, musste ich also auf die Strassenbahn umsteigen und der Servis (so der türkische Name des Shuttlebusses) bringt mich gar nicht in „meinen“ Stadtteil. Die Studenten entscheiden sich für die Taxivariante, ich nehme die Strassenbahn. Etwas verwirrt stehe ich vor dem Automaten, welcher mir einen Jeton ausspucken soll, welcher mich zur Fahrt berechtigt. Ein junger Türke ist hilfsbereit und schenkt mir kurzerhand einen Jeton und erklärt mir, wo ich aussteigen muss. Auf Umwegen finde ich dann auch das Hostel, wo ich den angebrochenen Abend im Gemeinschaftsraum ausklingen lasse.
Das Hagia Sofia Museum

Das Hagia Sofia Museum

Die Nachtruhe währte dann nur kurz, gegen 4 Uhr werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Da kommt doch einfach einer in mein Zimmer und schaltet das Licht ein. Was war geschehen? Direkt vor meinem Zimmer ist die Warmwasserleitung gebrochen und die Jungs vom Hostel untersuchen gerade, was alles unter Wasser steht und beginnen mit den Aufräumarbeiten. Bei mir im Zimmer war es zum Glück nicht viel Wasser, jedoch ist das Resultat, dass es am folgenden Morgen keine warme Dusche geben wird, bis die Leitung repariert ist. Bis zum Nachmittag ist der Schaden dann behoben.
Das Agora Guesthouse and Hostel liegt im Stadtteil Sultanahmet, dem Stadtteil in dem auch die bekannsten Sehenswürdigkeiten liegen. Diese und die umliegenden Stadtteile zu erkunden und einen Eindruck von Istanbul auf der europäischen Seite zu erhalten, war meine Aufgabe für Donnerstag und Freitag. Dinge, die ich unbedingt tun wollte während den zwei Tagen waren folgende: Besichtigung der blauen Moschee und der Hagia Sofia, sowie des Topkapi Palastes, ein Rundgang auf dem grossen Basar, eine Bosphorus-Rundfahrt mit dem Schiff und weitere Eindrücke aus dem Strassen Istanbuls sammeln.
Beeindruckende Architektur: die blaue Moschee

Beeindruckende Architektur: die blaue Moschee

Als erstes machte ich mich auf den Weg in die blaue Moschee, vom Hostel aus das nächstgelegenste Ziel in 5 Minuten zu Fuss erreichbar. Erschreckend lange war die Schlange an Leuten, welche die Moschee besichtigen wollten. Die Schlange bewegte sich sehr schnell, so dass ich keine 10 Minuten später in der Moschee stand. Was mir aufgefallen ist: obwohl die Damen Kopftücher tragen müssten, tun dies die wenigsten. Liegt das an mangelndem Respekt der Besucher oder ist der Tourismus wichtiger als die Regeln der Religion? Auf jeden Fall ist es schwierig, einen Quadrameter freien Platz in der Moschee zu finden. Das Gebäude hingegen ist beeindruckend: einerseits die Grösse des Gebetsraumes, andererseits die Malereien und Dekorationen.
Der Innenhof der Beyazit Moschee

Der Innenhof der Beyazit Moschee

Im Verlaufe des Tages habe ich dann noch einige weitere Moscheen besucht, welche nicht minder beeindrucken, jedoch viel weniger besucht wurden. Sowieso: Moscheen gibt es in Istanbul wie Sand am Meer, so dass sich zu den islamischen Gebetszeiten ein akkustischer Gebetsteppich über die Stadt legt.
Aufgrund der langen Schlange verschob ich den Besuch der Hagia Sofia auf Freitag, ebenso den Besuch des Topkapi Palastes. Der Empfehlung eines jungen Türken würde ich bei einem nächsten Besuch auf jeden Fall Folge leisten: die Sehenswürdigkeiten früh morgens oder erst am späten Nachmittag besuchen, dann sind die Besucher von den Kreuzfahrtschiffen noch nicht respektive nicht mehr da. Das wars dann aber auch an Positivem, was der Junge zu bieten hatte. Unter seinem Wortschwall, dass er nur etwas Englisch sprechen, mir nichts verkaufen und mir später im Teppischgeschäft seines Vaters einen Tee auf eine 40 Jahre anhaltende Freundschaft trinken wolle, kam ich nicht dazu, ihm klar zu machen, dass ich an seinen Dienstleistungen kein Interesse hatte. Dies ist generell ein Fänomen in Istanbul, welches die Gastfreundschaft der Türken in Frage stellt. Um des schnellen Geldes willen, wird man irgendwohin eingeladen, z.B. zu einem Tee oder einem Bier, nur dass man später ausgenommen werden kann. Unter diesen ganzen Erlebnisse hat mein Vertrauen in die Türken und deren ehrliche Gastfreundschaft einen erheblichen Schaden erlitten. Ich bin jedoch guter Hoffnung, das sich zu dem Jungen, welcher mir den Jeton spendiert und mir in der Strassenbahn weitergeholfen hat, noch weitere positive Beispiele folgen werden, und die negativen Erlebnisse auf Istanbul beschränkt bleiben.
Neben den Geschäftspraktiken bietet Istanbul allerdings sehr viel Positives: Sehenswürdigkeiten ohne Ende und auch eine Küche, welche zu überzeugen vermag. Ebenso eine Offenheit gegenüber Fremdem und viele kleine Orte, wo man etwas unerhofftes entdecken kann. So gibt es zum Beispiel noch an einigen Stellen Holzhäuser osmanischer Bauart zu finden, welche nicht für Touristen frisch renoviert sind, sondern in orginialem Zustand noch dastehen. Zugegeben, hie und da zerfallen diese schmucken Häuser leider auch.
Traditionelle osmanische Holzhäuser in Istanbul

Traditionelle osmanische Holzhäuser in Istanbul

Absolut beeindruckend war für mich das Labyrinth des grossen Basars. Mittlerweile sehr stark auf Touristen ausgerichtet, gibt es an den Hinterausgängen noch einen Markt, wo mit Textilien aller Art im grösseren Stil gehandelt wird. Aber auch die touristischen Geschäfte mit ihrem orientalischen Touch bieten für mich einen Einstieg in die Welt des mittleren Ostens. Zusammen mit den Fliessen und Mosaiken des Topkapi-Palastes machen diese Lust auf mehr und auf die weitere Reise gen Zentralasien.
Zweite Begnung mit dem Orient im Topkapi Palast

Zweite Begnung mit dem Orient im Topkapi Palast

Am Freitag folgte dann der Besichtigung von Hagia Sofia und Topkapi-Palast eine Schiffsrundfahrt auf dem Bosphorus. Hierbei habe ich einen geschäftstüchtigen Türken beglückt: ich wurde am Hafen angesprochen, ob ich eine Tour machen möchte. Da Preis und Leistung für mich so stimmten, sagte ich zu. Daraufhin wurde ich in einen Minivan verfrachtet und einige hundert Meter weiter, zur Anlegestelle für die kleineren, privaten Rundfahrtschiffe gebracht. So waren wir auf der Rundfahrt nur ca. 20 Personen auf einem kleinen Schiff und hatten so eine gute Aussicht auf die Sehenswürdigkeiten vom Wasser aus. Auf dem Schiff hatte ich eine spassige Unterhaltung mit zwei ägyptischen Brüdern, welche gerade auf Geschäftsreise in Istanbul sind und gegenwärtig in Kanada und in der dominikanischen Republik zu Hause sind und angeblich mit ihrer Firma Windeln für den karibischen Markt herstellen…
Der Abend war dann geprägt vom Austausch mit einem Inder und seinem Sohn, welche im selben Hostel übernachten. Auch er hat das Üebel der Moderinisierung wahrgenommen: da vor allem Reisende aus den USA und aus Asien (ich zähle auch dazu) ein Notebook oder Tablet dabei haben, sitzen mitunter 10 Leute im Aufenthaltsraum eines Hostel, und jeder schweigt vor sich hin und starrt in seinen Bildschirm. Der Inder nutzt seinen Wohlstand, er arbeitet seit 32 Jahren bei Air India, um seinem 18-jährigen Sohn die Welt zu zeigen und ihn darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alles selbstverständlich ist, was er hat. Es würde manch einem gut tun, dem Herrn etwas zuzuhören…
Der Taksim Platz am türkischen Nationalfeiertag

Der Taksim Platz am türkischen Nationalfeiertag

Am Samstag war es dann endlich soweit: ich setzte meinen Fuss zum ersten Mal in meinem Leben auf asiatischen Boden. Mit dem Kursschiff setzte ich von Eminönü kommenden zum Bahnhof Haydarpasa über den Bosphorus. Der Bahnhof war für mich das Ziel um die Abfahrtszeiten für die Züge Richtung Ankara definitv zu klären.
Anschliessend erkundete ich zu Fuss die asiatische Seite Istanbuls. Ohne Stadtplan und eine Idee, wo es was zu sehen gibt, machte ich mich auf in das Strassenlabyrinth. Für mich war es sehr erfrischend, von den Einheimischen komplett ignoriert zu werden und beinahe keinem Touristen über den Weg zu laufen. Für denjenigen, der die Touristenrestaurants und Cafés meiden möchte, bietet die asiatische Seite direkt an der Anlegestelle Kadiköy ein reichhaltiges Programm. Bevor ich mich allerdings auf die Jagd nach Nahrung machte, fand ich in irgendeiner Strasse einen Frisör, der auf Kundschaft warten in der Tür stand. Der Herr machte einen sympathischen Eindruck und so entschied ich mich, ihm etwas Geschäft zu verschaffen. Per Zeichensprache machte ich ihm klar, wie lange die Haare wo ungefähr sein sollten. Auf für mich unvontienelle Art und Weise machte er sich dann daran die Haare zu kürzen. Nach der Prüfung, ob die Länge denn auch passt, deutet er auf da Waschbecken vor mir. Was er wollte? Er wollte mir noch eine Haarwäsche anbieten, was ich dankend annahm und meinen Kopf unter die Brause hielt. Nicht wie gewohnt nach hinten lehnend, sondern vornüber biegen, wurde dann mein Kopf einschamponiert und gewaschen. Toller Service für 10 TL, ungefähr 4 Euro.
Auf meiner Entdeckungstour stiess ich dann auf die Uferpromenade südlich der Anlegestelle in Kadiköy und folgte dieser zurück zur Anlegestelle der Kursschiffe. Die Atmospähre im asiatischen Teil gefiehl mir dann aber doch so gut, dass ich mich entschied, noch eine Schleife durch Kadiköy zwecks Nahrungsaufnahme zu machen. Schliesslich gab es ein Essen mit 4 Stops, darunter ein Stop für frisch gepressten Orangensaft, ein Stop für Baklava und ein Stop für Tee.
Gestärkt machte ich mich dann auf den Weg zurück nach Europa, diesmal nach Besiktas. Von dort zurück nach Kabatas ging es dann zu Fuss, um ein zweites Mal mit den Füniküler zum Taksim-Platz zu fahren. In der Shoppingmeile entlang der Siraselviler Strasse ging es dann zum Galataturm. In der Umgebung gab es dann Sahlep, eine süsse, heisse Milch mit Pulver der Sahleppflanze und Zimt. Sehr lecker.
Nationalfeiertag auf Türkisch: Motorrad-Korso in der Entstehung

Nationalfeiertag auf Türkisch: Motorrad-Korso in der Entstehung

Da der 29. Oktober der Tag der Staatsgründung der Türkei ist, sind die Strassen und Häuser entsprechend mit türkischen Flaggen dekoriert. Unterwegs bin ich noch einem entstehenden Motorradkorso begegnet: Hauptsache laut! Das Feuerwerk wurde leider auf Grund des Erdbebens im Osten der Türkei abgesagt… nicht für jeden Türken in Istanbul verständlich.